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„Das Brot des Medizinalrates“

Es war im Jahr 1928. Nach dem Tod des überall geachteten Medizinalrates Prof. Dr. Samuel
Breitenbach trafen seine drei Söhne in ihrem Elternhaus ein, um den Nachlass zu ordnen
und das Erbe ihres Vaters getreu seinem letzten Willen zu teilen.
Sie staunten sehr, als sie in einer Schreibtischschublade ein knochenhartes Brot fanden.
Ratlos sahen sich die drei an, ahnten aber, dass es wohl einen besonderen Wert für den
Vater gehabt haben musste. Sonst hätte er es nicht solange aufbewahrt.
So fragten sie die Hauswirtschafterin, die nach dem frühen Tod ihrer Mutter, den alt
gewordenen Medizinalrat viele Jahre lang versorgt hatte.
Sie erinnerte sich an die besondere Brotgeschichte und berichtete den drei Brüdern
folgendes:

In den Hungerjahren nach dem Ersten Weltkrieg erkrankte der alte Medizinalrat einmal so
schwer, dass er selbst den Arzt rufen musste. Dieser runzelte die Stirn und murmelte etwas
von kräftiger Nahrung. Die war schwer zu bekommen.
Doch als sich die Krankheit ihres Doktors in der Stadt herumsprach, schickte ein Bekannter
ein dunkles Brot. Es war gutes Vollkornbrot mit wertvollen Mineralstoffen.
Samuel Breitenbach verzichtete und schickte das Brot seinem Nachbarn, einem Lehrer.
Dessen Tochter war auch krank. Doch die Frau des Lehrers behielt das Brot auch nicht,
sondern gab es an eine Kriegswitwe weiter, die in der Mansardenwohnung ein bescheidenes
Quartier gefunden hatte. Doch auch jetzt war die seltsame Reise des Brotes noch nicht zu
Ende. Die alte Frau verzichtete ebenfalls darauf, von dem Brot zu essen, und brachte es
ihrer Tochter, die mit ihren beiden Kindern in einer Kellerwohnung am Ende der Straße
Zuflucht gefunden hatte.
Die Tochter dachte sofort an den kranken Medizinalrat, der schon oft ihre Söhne ohne
Bezahlung behandelt hatte. Nun ist die Gelegenheit da, so dachte sie, dass ich mich beim
Doktor für seine Freundlichkeit bedanke. Sie nahm das Brot und brachte es zur Wohnung
des Medizinalrates. „Wir haben es sofort an der Marke wieder erkannt, die am Brot klebte.“
Als der kranke Medizinalrat sein eigenes Brot wieder in den Händen hielt, war er bis ins
Innerste erschüttert und Tränen liefen ihm über die Wangen. „Dieses Brot hat viele
Menschen satt gemacht, ohne dass ein einziger davon gegessen hätte“, sagte er und bat
mich, es gut aufzuheben. Damit beendete die Hauswirtschafterin ihren Bericht.

Tief berührt saßen die Brüder beieinander und schwiegen. Schließlich sagte der Älteste:
„Ich schlage vor, das Brot unter uns aufzuteilen. Jeder sollte ein Stück davon mitnehmen.
Es ist ein Andenken an unseren Vater und eine Erinnerung an die Kraft der Liebe, die auch
in der bittersten Not, das Wort vom Brotbrechen lebendig hielt.“ Und so geschah es.

Verfasser:
Erkan-Joachim Müller, Gera
nach einer Geschichte im „Messager Evangelique“